Ziel der Prüfung
Die Unterlagenprüfung dient nicht dazu, einen Ordner abzuhaken.
Sie dient dazu, drei Dinge sauber zu beantworten:
- Ist das Objekt rechtlich und wirtschaftlich sauber?
- Welche Risiken und Kosten kommen auf uns zu?
- Ist der aufgerufene Kaufpreis dafür angemessen?
Der Maßstab ist also nie nur Vollständigkeit, sondern immer:
Was in den Unterlagen beeinflusst Sicherheit, Vermietbarkeit, Kosten, Exit und Preis?
1. Pflichtunterlagen anfordern
Ohne diese Unterlagen ist keine belastbare Prüfung möglich.
- Exposé
- Grundbuchauszug
- Teilungserklärung mit allen Nachträgen
- Aufteilungsplan / Grundriss
- Wohnflächenberechnung
- WEG-Protokolle der letzten 3-5 Jahre
- aktueller Wirtschaftsplan
- letzte Hausgeld- bzw. Nebenkostenabrechnungen
- Energieausweis
- bei vermieteter Einheit: Mietvertrag, Nachträge, Zahlungsnachweise, Kautionsnachweis
Sinnvolle Zusatzunterlagen:
- Beschlusssammlung
- Verwaltervertrag
- Rücklagenstand
- Sanierungshistorie
- Wartungs- und Prüfberichte
- Bauakte / Baugenehmigungen
- Baulastenverzeichnis
- Altlastenverzeichnis
- Gebäudeversicherung
- bei Sonderfällen: Erbpacht, Denkmalschutz, Sanierungsgebiet
2. Exposé prüfen – stimmt das Bild, das verkauft wird?
Das Exposé ist Vertriebsunterlage, nicht Wahrheit. Deshalb immer auf Plausibilität prüfen.
- Stimmen Adresse, Etage, Baujahr, Zimmerzahl und Wohnfläche?
- Ist der Nutzungsstatus korrekt: leer, vermietet oder frei werdend?
- Ist die ausgewiesene Miete tatsächlich die Kaltmiete?
- Sind Modernisierungen konkret benannt oder nur pauschal behauptet?
- Passen Fotos, Beschreibung und Eckdaten zusammen?
- Gibt es auffällig viele unpräzise Formulierungen?
Prüfgedanke:
Wird hier ein Objekt sauber beschrieben – oder eher gut verkauft?
3. Grundbuch prüfen – was ist rechtlich tatsächlich vorhanden?
Hier geht es um Eigentum, Rechte und Belastungen. Das ist oft unspektakulär, aber regelmäßig kaufentscheidend.
Eigentumsverhältnisse
- Ist der Verkäufer auch der eingetragene Eigentümer?
Rechte in Abteilung II
- Gibt es Wohnrechte, Nießbrauch, Wegerechte, Leitungsrechte oder sonstige Belastungen?
- Schränken diese die Nutzung, Vermietung oder Verwertbarkeit ein?
Belastungen in Abteilung III
- Sind Grundschulden eingetragen?
- Sind diese im Verhältnis zum Kaufpreis auffällig hoch?
- Könnte die Löschung oder Freigabe die Abwicklung erschweren?
- Gibt die Höhe der Belastung Hinweise auf Spielraum in der Verhandlung?
Prüfgedanke:
Ist das Grundbuch sauber – oder steckt dort bereits ein Problem, das später Zeit oder Geld kostet?
4. Teilungserklärung prüfen – was gehört wirklich zur Einheit?
Entscheidend ist nicht, was im Exposé steht, sondern was rechtlich geregelt ist.
- Ist die Teilungserklärung vollständig vorhanden?
- Sind alle Nachträge beigefügt?
- Was gehört zum Sondereigentum?
- Was gehört zum Gemeinschaftseigentum?
- Welche Sondernutzungsrechte bestehen?
- Sind Keller, Stellplatz, Garten, Terrasse oder sonstige Nebenflächen sauber zugeordnet?
- Gibt es Nutzungsbeschränkungen?
- Gibt es Regelungen, die Vermietung, Umbau oder spätere Veräußerung erschweren?
- Gibt es unfaire oder ungewöhnliche Kostenverteilungen?
Prüfgedanke:
Kaufen wir genau das, was wir zu kaufen glauben – oder nur einen Teil davon?
5. Grundriss und Wohnfläche – passt die Fläche zur Realität?
Fehler bei der Wohnfläche sind kein Nebenthema. Sie wirken direkt auf Preis, Finanzierung und Exit.
- Passt der Grundriss zur tatsächlichen Wohnung?
- Gibt es Umbauten, die im Plan nicht auftauchen?
- Ist die Wohnflächenberechnung nachvollziehbar?
- Stimmen Exposé, Grundriss und Flächenberechnung überein?
- Sind Balkon- und Terrassenflächen korrekt angesetzt?
- Wurden Nebenflächen unzulässig mitgerechnet?
- Wirkt die ausgewiesene Fläche plausibel?
- Gibt es auffällige Abweichungen, die preisrelevant sein könnten?
Prüfgedanke:
Zahlen wir für echte Fläche – oder für rechnerische Großzügigkeit?
6. WEG-Protokolle – hier stehen oft die eigentlichen Risiken
Die Protokolle zeigen, was im Haus tatsächlich los ist. Wer sie sauber liest, erkennt häufig die Themen, die im Exposé bewusst klein gehalten wurden.
- Wurden Sonderumlagen beschlossen?
- Sind Sonderumlagen absehbar?
- Gibt es geplante oder diskutierte Maßnahmen an Dach, Fassade, Fenstern, Leitungen, Heizung oder Aufzug?
- Tauchen dieselben Probleme wiederholt auf?
- Gibt es Streitigkeiten innerhalb der WEG?
- Gibt es Konflikte mit der Hausverwaltung?
- Gibt es Klagen oder blockierte Beschlüsse?
- Gibt es Eigentümer mit Hausgeldrückständen?
- Gibt es Hinweise auf Feuchtigkeit, Schimmel, Risse oder technische Mängel?
- Gibt es Beschlüsse, die Nutzung, Vermietung oder Sanierung erschweren?
Prüfgedanke:
Kaufen wir eine Wohnung – oder ein laufendes Problem im Mehrparteienhaus?
7. Wirtschaftsplan, Hausgeld und Rücklage – ist die WEG wirtschaftlich stabil?
Hier zeigt sich, ob das Objekt in einer gesunden Gemeinschaft steht oder ob das Haus finanziell auf Verschleiß fährt.
- Wie hoch ist das Hausgeld?
- Welcher Anteil ist umlagefähig?
- Welcher Anteil bleibt dauerhaft beim Eigentümer?
- Ist die Zuführung zur Instandhaltungsrücklage plausibel?
- Sind einzelne Kostenpositionen auffällig hoch?
- Gibt es ungewöhnliche Kostensteigerungen?
- Wie hoch ist die Rücklage aktuell?
- Reicht die Rücklage für absehbare Maßnahmen?
- Wurde die Rücklage in den letzten Jahren aufgebaut oder laufend aufgezehrt?
- Passen Kostenstruktur und Rücklage zum Zustand des Hauses?
Prüfgedanke:
Ist die WEG solide aufgestellt – oder kommt die Rechnung nur zeitversetzt?
8. Verwaltung und Beschlusslage – wie professionell wird das Haus geführt?
Eine schwache Verwaltung kann aus einem guten Objekt ein mühsames Investment machen.
- Liegt ein Verwaltervertrag vor?
- Sind Laufzeit und Kosten angemessen?
- Gibt es Sonderhonorare oder ungewöhnliche Zusatzvergütungen?
- Sind offene oder angefochtene Beschlüsse erkennbar?
- Wirkt die Verwaltung geordnet und professionell?
- Gibt es Anzeichen für organisatorisches Chaos oder schleppende Bearbeitung?
Prüfgedanke:
Wird das Haus geführt – oder nur verwaltet, bis das nächste Problem aufschlägt?
9. Energie, Technik und Sanierungsstand – was kommt auf uns zu?
Oberfläche täuscht. Entscheidend ist der technische Zustand der relevanten Gewerke.
- Ist der Energieausweis gültig?
- Passt die Energieklasse grob zum Baujahr und Zustand?
- Welche Heizungsart ist vorhanden?
- Wie alt ist die Heizung?
- Wann wurden Fenster erneuert?
- Wann wurden Elektro und Sanitär modernisiert?
- Wann wurden Leitungen, Stränge, Dach oder Fassade saniert?
- Gibt es eine nachvollziehbare Sanierungshistorie?
- Liegen Wartungs- oder Prüfberichte vor?
- Gibt es technische Themen, die kurzfristig investitionsrelevant werden?
Prüfgedanke:
Ist das Objekt technisch tragfähig – oder nur optisch ordentlich?
10. Vermietung prüfen – bei vermieteter Einheit
Hier zählt nicht die Theorie des Mietvertrags, sondern die Praxis des Zahlungsflusses.
- Liegt ein vollständiger Mietvertrag vor?
- Gibt es Nachträge?
- Wie hoch ist die tatsächliche Kaltmiete?
- Was wird tatsächlich gezahlt?
- Gibt es Rückstände?
- Gab es Mietminderungen?
- Ist die Kaution korrekt hinterlegt?
- Sind die Nebenkosten sauber geregelt?
- Sind die Positionen vollständig umlagefähig?
- Gibt es problematische Klauseln oder Streitpotenzial?
- Ist der Mieter stabil oder auffällig?
Prüfgedanke:
Kaufen wir verlässlichen Cashflow – oder ein Mietverhältnis mit Konfliktpotenzial?
11. Bauakte, Genehmigungen und Behörden
Besonders wichtig, wenn Grundriss, Ausbau oder Nutzung nicht ganz „standardmäßig“ wirken.
- Gibt es bauliche Veränderungen?
- Sind diese genehmigt?
- Entspricht der Ist-Zustand der offiziellen Aktenlage?
- Gibt es Hinweise auf ungenehmigte Umbauten?
- Gibt es Baulasten?
- Gibt es Altlasten?
- Liegt das Objekt in einem Sanierungsgebiet?
- Besteht Denkmalschutz?
- Gibt es behördliche Auflagen, die Nutzung oder Modernisierung erschweren?
Prüfgedanke:
Ist das Objekt rechtlich sauber – oder steht ein Problem nur noch nicht im Vordergrund?
12. Sonderfälle
Nicht immer relevant, aber wenn doch, dann mit hoher Wirkung.
Erbpacht
- Besteht Erbpacht?
- Wie lang ist die Restlaufzeit?
- Wie hoch ist der Erbbauzins?
- Gibt es Anpassungsklauseln?
Hochhaus / aufwendigeres Gemeinschaftseigentum
- Gibt es Aufzüge?
- Liegen Prüfberichte vor?
- Gibt es Brandschutzthemen?
- Gibt es besondere Wartungs- oder Instandhaltungspflichten?
Prüfgedanke:
Handelt es sich um eine Standard-ETW – oder um ein Objekt mit Sonderlogik und Sonderkosten?
13. Die 10 Kernfragen für den Akquisiteur
Wenn es schnell gehen muss, müssen diese Fragen beantwortet werden können:
- Gibt es Sonderumlagen?
- Sind größere Sanierungen absehbar?
- Ist die Rücklage ausreichend?
- Gibt es Streit in der WEG?
- Ist die Wohnfläche plausibel?
- Gehören alle Nebenflächen rechtlich zur Einheit?
- Ist die Miete belastbar?
- Gibt es technische Risiken?
- Gibt es rechtliche oder behördliche Risiken?
- Was davon ist konkret preisrelevant?
14. Rote Flaggen – hier wird nicht weitergeschoben
Wenn einer dieser Punkte auftaucht, braucht es eine klare Reaktion: Nachverhandlung, Auflage oder Ausstieg.
- Sonderumlage beschlossen oder klar absehbar
- größere Sanierung ohne ausreichende Rücklage
- massive Konflikte in der WEG
- problematische Eintragungen im Grundbuch
- unplausible Wohnfläche
- Nebenflächen rechtlich nicht sauber geregelt
- ungenehmigte Umbauten
- Mietrückstände oder instabiles Mietverhältnis
- auffällige Kostenstruktur
- technisch überalterte Kerngewerke
- Denkmalschutz, Sanierungsgebiet oder Erbpacht mit Nachteilen
- auffällig schwache oder unstrukturierte Verwaltung
15. Abschlussbewertung des Akquisiteurs
Am Ende braucht es keine Materialsammlung, sondern eine Entscheidung.
Ergebnis
- Grün – unterlagenseitig tragfähig
- Gelb – tragfähig, aber nur mit Abschlag oder Auflagen
- Rot – nicht weiterverfolgen
Kurzbewertung
- Top 3 Risiken
- Top 3 Preisargumente
- geschätzter Abschlag in EUR
- offene Punkte
- Empfehlung: weiter, nachverhandeln oder aussteigen
16. Leitlinie für die Prüfung
Die entscheidende Frage lautet nicht:
„Sind die Unterlagen vollständig?“
Sondern:
- Wo liegt das Risiko?
- Wo entsteht zusätzlicher Kapitalbedarf?
- Wo passt die Geschichte nicht zu den Fakten?
- Wo lässt sich der Preis fundiert verhandeln?
- Und würden wir dieses Objekt zu diesem Preis mit gutem Gewissen selbst kaufen?